12 Monate Rosen & Schornsteine – März

Nur, und nur wegen dem Zeilenende habe ich mich heute überhaupt angezogen. Wäre es nach Kopf und Körper gegangen, hätte ich den Tag im Bett verbracht. Sofern ich es geschafft hätte, die Augen fest geschlossen zu halten. Denn öffne ich die Augen und die Sonne scheint, dann muss ich ja doch raus. Egal wie müde und lustlos ich bin – einen Sonnentag verschwende ich nie. Richtiger also….nur, und nur wegen dem Zeilenende habe ich heute die Augen geöffnet. Es ist der letzte Sonntag im Monat und ich quäle mich durch die Sonne in den Rosengarten.

Ach, Gott. So fängt man einen Artikel auch nicht an. Nur ein undankbares Geschöpf beschwert sich über einen sonnigen Sonntag. Oder ein verkatertes. Auch das, kein schöner Einstieg. Verkatert ist man, aber man spricht nicht darüber. Es wird nichts werden, das merken Sie selbst. Belassen wir es bei einem kurzen „Hallo“. Weiterlesen

Herz und Hirn begrüßten den Tod des jungen Werthers – irgendwann ist es auch mal gut.

„Nichts ist interessanter zu beobachten, als ein Trupp Barrikadenkämpfer, der sich auf einen feindlichen Sturm vorbereitet.“ Das jedenfalls meint Victor Hugo irgendwo auf den Seiten zwischen 905 und 925 seines Romans „Die Elenden“. Davon ist auszugehen, denn ansonsten hätte er die Vorbereitungen nicht auf unzähligen Seiten geschildert und den Leser nach vollbrachten Ausführungen extra darauf hingewiesen. Einer meiner Freunde würde dieser Aussage sofort zustimmen. Da wo sich Victor Hugo schreibend über lange Kapitel in diesen Betrachtungen verliert, würde er sich lesend in eben diesen mit großem Vergnügen treiben lassen. Für ihn wären weite Teile des Romans nebensächlich, während er sich vom Pariser Juniaufstand des Jahre 1832 gerne berichten lies. Ich nicht. Ich quälte mich während der heutigen S-Bahn Fahrt so ungeduldig durch die Seiten wie schon während des Berichtes der Folgen der Schlacht bei Waterloo. Nur widerwillig folge ich dem Autor auf das Schlachtfeld bei Nacht. Wenn ich ehrlich bin, dann langweilt es mich und ich hätte mich gerne mit einer kurzen und knappen Zusammenfassung der Ereignisse zufrieden gegen. Die Kapitel lese ich nur, weil ich a) Angst habe etwas wichtiges zu versäumen und b) aus Respekt gegenüber dem Autor, seine leidenschaftlichen Zeilen einfach zu ignorieren.

Im Falle Hugos mache ich es dennoch und überfliege jene Kapitel nur oberflächlich auf der Suche nach den Namen der Figuren, die mir in den letzten 879 Seiten ans Herz gewachsen sind. Flott und ungeduldig blättere ich durch die Seiten und verweile auf der Hochfläche von Mont-Saint-Jean nur wenige Sekunden. Ebenso setze ich mich nur oberflächlich mit den prinzipiellen Fragen über die Berechtigung des Klosterwesens auseinander. Letzteres könnte mein Freund, der die Schlachten, das politische und all das strategische so schätzt, nachvollziehen. Auch ihn würden die strengen Regeln des Kloster Petit-Picpus als kurzer Abriss völlig reichen. Ich dachte, dass er wenn wir „Die Elenden“ wie früher gemeinsam lesen würden, dann sicher mir dieses Kapitel überlassen hätte. Denn einer muss es lesen, da waren wir uns immer einig gewesen. Damals, als wir manche Bücher gemeinsam lasen. Selbst bei Romanen, die ihn nicht interessierten, las er manchmal nachts die von mir überblätterten Seiten und gab mir am nächsten Morgen beim Frühstück eine Zusammenfassung. Um einen Roman aus einer anderen Zeit wirklich zu verstehen, so sagte er, müsse man gerade die diese Zeilen  mit großer Aufmerksamkeit lesen.

Wir haben viele Bücher gemeinsam gelesen. Einer kaufte es, der andere lieh es sich in der Bücherei aus. Praktisch war, dass wir in etwa gleich schnell lasen und zum Beispiel gleichzeitig das Ende von Goethes Werther erreichten. Synchron atmeten wir beim Tode des Protagonisten auf und seufzten, dass es nun auch wirklich an der Zeit gewesen ist, das seine Leiden enden. Madame Bovary wollte er unbedingt lesen, aus einem mir nicht ganz schlüssigen Grund, stand es auf seiner Liste. Er gab auf und ich begleitete die Unglückliche bis zu ihrem letzten Atemzug und berichtete ihm. Weit mehr als Werther verstand ich Emma und trug Sorge, dass mein Freund es auch tat. Er tat es nicht, aber er honorierte wenigstens mein leidenschaftliches Mitgefühl. Auch Anna Karenina las ich für ihn und während wir die Buddenbrocks mit großem Genuss beide vollständig lasen, quälte ich mich über lange Kapitel alleine den Zauberberg hinaus. Für diese Wanderung schuldet er mir noch etwas. Letztes Wochenende lud ich im die „Die Elenden“ auf seinen E-Book Reader und forderte ihn auf, meine Lücken zu füllen. Diesen Klassiker der Weltliteratur hatte er bisher sicher nur übersehen und jetzt sei es an der Zeit mir zu sagen, wann die unsägliche Barrikade endlich vorbei ist und es mit Cosette und Marius weiter gehen würde.

Er war streng. Nannte mir zwar grob die Stelle an der ich wieder einsteigen könne, betonte aber, dass ich das Schönste, die Tiefe der Charaktere, besonders die von Marius doch gar nicht begriffen hätte, wenn ich seine Zwänge, Ängste und Sorgen einfach überblättern würde. Böse lächelnd behauptete er sogar, dass wäre als würde ich mich mit einem AfD Wähler verabreden und verkünden, dass mich seine hübschen Augen weit mehr als sein Verstand und sein Seelenleben interessieren würden. Seite 976 schrieb er mir heute morgen. Aber nur, wenn wir uns die Tage treffen würden. Dann könnten wir ein Glas Wein trinken und er, der Politologe, würde mir etwas über die Geschichte Frankreichs erzählen. Er hätte an meinem Blick doch genau erkannt, dass ich außer der rudimentären Erinnerung an ein Ereignis 1789 überhaupt keine Ahnung hätte. Eine Schande sei das. Und überhaupt…jetzt wo die Tage wieder länger und wärmer würden, sollte man sich auf dem Balkon treffen und ein wenig über Russland sprechen. Mit Grausen erinnere er sich an meine Ignoranz während wir „Krieg und Frieden“ lasen.

Geht es um Weltliteratur dieser Art sind wir ein gutes Team. Er ist der Kopf und ich das Herz eines solchen Lesevergnügens. Und das Herz hat blättert jetzt zu Seite 976, denn das was Sie dort aufzeichneten, lieber Herr Hugo, ist mir ein bedeutend größeres Vergnügen als das Beobachten eines Trupps Barrikadenkämpfer.

 

Regenbögen kackende Pferde

An manchen Montagen hänge ich fest und kann das Wochenende nicht abschütteln. Dann sitzt es mir noch auf den Schultern und hält mich fest umarmt. Der Freitag lässt schon los und die Erinnerung an ihn verblasst. Aber der Samstag sitzt mir noch im Nacken und erinnert mich den ganzen morgen an das Lachen, das ich bis weit nach Mitternacht mit einem lachte, dessen Lachen mir das liebste ist. Lachend rutschten wir in den Sonntag und mit leisem Kinderlachen bin ich aufgewacht. Ich höre es an diesem Montagmorgen noch immer, weil Kinderlachen immer länger in der Luft hängen bleibt, als das von Erwachsenen. Irgendwo zwischen Samstags- und Sonntagserinnerungen hängt auch ein Einhorn in der Luft. Eines, das mich Samstag zum Lachen brachte und mir heute auf die Nerven geht. Seit ich vor einem Jahr eine Spam E-Mail mit dem Betreff „Auch du kannst ein Einhorn sein, Mitzi“ erhielt, sind diese Viecher überall. Weiterlesen

Was machen´S denn nächsten Samstag?

Die Lesereihe im Valentinhaus, München geht in die zweite Runde. Ich freu mich sehr, wieder dabei sein zu dürfen und freu mich bekannte und unbekannte Gesichter zu sehen.

München ist für viele vielleicht ein bisschen weit, aber wer weiß….vielleicht sind Sie ja gerade nächsten Samstag in der Stadt. Ich würde mich sehr freuen Sie kennen zu lernen.

Nähere Informationen gibt es unter suedsehen.de. Nicht nur über Lesungen sondern über das ganze Repertoire dieses schönen Schauspielensemle.

Und wenn Ihnen der Samstag ungelegen kommt….am Freitag darauf gibt es noch eine weitere Lesung. Da können wir uns dann gemeinsam in das Publikum setzen und zuhören. Was passt besser zum Frühling als ein Briefwechsel Liebender? Mir fällt nichts ein.

Ein schönes Wochenende wüscht Ihnen Mitzi

 

Unverschämter Frühling

Wenn mir noch einer mit dem ach so schönen Frühling an kommt, dann schlepp ich ihn mit zu mir. Nicht für ein Schäferstündchen sondern damit er den Wahnsinn, den diese Jahreszeit in meinem Haus anrichtet, am eigenen Leib erleben kann. Wenn er dann noch etwas von einem blauen Band und Neuanfang murmeln kann – Chapeau. In meiner Straße macht der Frühling gar nichts neu. Ganz im Gegenteil. Die blöde Jahreszeit weckt meine Nachbarn aus ihrem Winterschlaf und sorgt dafür, dass der Wahnsinn des alten Jahres mit neuem Elan beginnt und das Haus mit unveränderter Wucht umbrandet. Dabei war es im Winter so schön ruhig. Die Bierliebhaber verkrochen sich im warmen Bauch der Kneipe und kamen nur für eine kurze Zigarette nach draußen. Meine direkte Nachbarin Frau Obst war über Wochen mit einer hübschen Bronchitis beschäftigt und hatte keine Kraft spionierend vor meinem Küchenfenster zu stehen und aus dem Hinterhaus hörte man durch die wummernden Bässe der Studenten WG nur gedämpft durch die geschlossenen Fenster . Es war so schön, als alle schliefen und jeder sich um seinen eigenen Schmarrn gekümmert hat. Jetzt ist es vorbei mit der Ruhe. Der Frühling ist da und mein Haus erwacht. Im Waschkeller riecht es schon ganz ekelhaft nach Weichspüler mit Fliederaroma. Weiterlesen

Reclam beim Frisör bitte nur mit Termin

Nach der Beendigung eines Lebensabschnittes – vorzugsweise der traumatischen oder dramatischen Beendigung einer Beziehung – rennen Frauen zum Frisör. Ich vermute, wir tun das um wenigstens noch Gewalt über das Äußere unseres Kopfes zu haben. Das Innenleben des Kopfes entwickelt nach dramatischen Trennungen ja meist eine nur schwer zu steuernde Eigendynamik. Trotzdem ist es mir unverständlich wie man es in den ersten drei bis dreiunddreißig Monaten nach einer Trennung schafft zum Frisör zu rennen. Wenn ich leide, dann richtig. Wer noch die Kraft hat zum Frisör zu rennen, der leidet doch nicht ernsthaft. Als ich das vor Jahren meiner frisch geschiedenen Kollegin mit neuer Kurzhaarfrisur mitteilte, sprach sie zwei Wochen kein Wort mehr mit mir. Wer so stur ist, leidet übrigens auch nicht. Wer wirklich leidet, der muss beim Gehen alle paar hundert Meter eine Pause einlegen. Der Körper leidet so sehr, dass man gezwungen ist, immer wieder seufzend stehen zu bleiben und sich selbst zu versichern, dass man nie wieder glücklich sein wird. Wenn man dann zufällig vor einem Frisörsalon seufzt, dann ist das Schicksal. In meinem Fall nicht nur meines, sondern auch das von Julian, dem Frisör der in den kommenden Stunden ebenso litt wie ich. Weiterlesen