Regenbögen kackende Pferde

An manchen Montagen hänge ich fest und kann das Wochenende nicht abschütteln. Dann sitzt es mir noch auf den Schultern und hält mich fest umarmt. Der Freitag lässt schon los und die Erinnerung an ihn verblasst. Aber der Samstag sitzt mir noch im Nacken und erinnert mich den ganzen morgen an das Lachen, das ich bis weit nach Mitternacht mit einem lachte, dessen Lachen mir das liebste ist. Lachend rutschten wir in den Sonntag und mit leisem Kinderlachen bin ich aufgewacht. Ich höre es an diesem Montagmorgen noch immer, weil Kinderlachen immer länger in der Luft hängen bleibt, als das von Erwachsenen. Irgendwo zwischen Samstags- und Sonntagserinnerungen hängt auch ein Einhorn in der Luft. Eines, das mich Samstag zum Lachen brachte und mir heute auf die Nerven geht. Seit ich vor einem Jahr eine Spam E-Mail mit dem Betreff „Auch du kannst ein Einhorn sein, Mitzi“ erhielt, sind diese Viecher überall.

Mal erscheinen sie in Blogbeiträgen anderer und sind Bestandteil einer charmanten und lesenswerten Erzählung. Dann mag ich sie sogar. Das sind Einhorn-Lichtblicke in einem Sumpf blöder, fetter, knallbunt verkleideter Pferde. Warum ich sie ansonsten nicht mag, weiß ich nicht. So wenig ich sagen kann, warum ich Diddel Mäuse vor Jahrzehnten verachtet habe. Es muss an der Omipräsenz der Gäule liegen. Erwachsene Frauen bezeichnen Einhörner vermehrt als ihre Lieblingstiere. Es könnte mir egal sein, mir ein Schmunzeln entlocken und mich weiter nicht kümmern. Aber ich mag sie nicht, diese Einhörner. Für mich ist ein Einhorn vergleichbar mit dem Clown in Stephen Kings Erzählung ES. Auf den ersten Blick harmlos, dann aber zutiefst verstörend. Ein solches Pferd, das Regenbögen kackt ist mir suspekt.

In der U-Bahn sitzt eines. Es hat eine hellrosa Mähne, trägt einen grünen Parker und gibt vor eine Frau um die Vierzig zu sein. Die Hufe mit silbernen Glitter bemalt und die Nüstern mit goldenen Ringen verziert. So ein Einhorn braucht Platz. Einen zum Sitzen, einen für die übereinander geschlagenen Beinen und einen für die Tasche auf der zu lesen ist, dass das Leben eindeutig mehr Glitter vertragen könne. Montag Morgen brauche ich keinen Glitter, ich brauche nur etwas mehr Platz und Luft zum Atmen. Aber das Einhorn riecht so streng nach Kokusnuss-Duschgel, das mir schon nach zwei Stationen schlecht wird. Heute morgen ist die ganze Bahn voll Einhörner. Manche sehen harmlos aus. So wie jenes aus dem Film „Das letzte Einhorn“ von 1982. Anfangs mochte ich dieses Einhorn sogar. Etwa bis zu dem Augenblick als der rote, brennende Stier auftauchte und meinen sechsjähriges Ich eine solche Angst einjagte, dass ich mich präventiv bis Mitte Dreißig weigerte Zeichentrick Filme anzusehen. Solche Einhörner stehen in der Bahn in den hintersten Ecken und werden von roten Stieren mit Aktentaschen noch mehr an den Rand gedrängt. Montags um acht ist die U-Bahn zu voll. Zu voll für Einhörner und auch für mich.

Im Gläserschrank im Büro steht nun auch ein Einhorn. Es hat sich auf einer Tasse breit gemacht und grinst mich doof an. Es ist eines der Fetten mit Regenbogenmähne. Fett ist auch die Tasse, die so groß ist, dass die Müslischälchen gar keinen Platz mehr haben. Ich balanciere, rücke und schichte, bis ich meine eigene Tasse befreit habe. Bei Einhörnern ist meine schlichte Tasse chancenlos bemerke ich traurig. Montags-traurig, weil manche Montage einfach nicht so wollen wie ich.

Weil man Einhörner nicht schlachten darf und sich nicht erblöden kann sich an einem Montag allen ernstes über fiktive Fabelwesen aufzuregen, habe ich mir den Nachmittag frei genommen. Bei mir zu Hause gibt es keine Einhörner und der Glitzer auf den Möbelstücken ist nur Staub. Einen Regenbogen habe ich aber auch. Ganz ohne Gaul mit Horn. Wenn die Sonne abends durch das Guckloch der Wohnungstüre scheint, dann wirft das gebrochene Licht eine winzige Regenbogenkugel an die Wand. Die mag ich sehr. Um halb sechs, wenn es soweit ist, werde ich mich auch wieder mit den Einhörnern ausgesöhnt haben. Dann ist der Montag schon fast vorbei und ich wieder im Fluß. Vielleicht kaufe ich für die Sonntags Mädchen Einhornschokolade. Eigentlich ganz nett. Nur nicht am Montag. Da sind es nur fette, verkleidete Gäule die Regenbögen kacken. Gibt es etwas dämlicheres? Lassen Sie es mich bitte wissen, damit ich mich am nächsten Montag der nicht rund läuft darüber aufregen kann.

Vor einem Jahr hatte ich auch einen Einhorn-Montag. Wie ich eben feststellte, kaufte ich mir auch an diesem Frühlingsmontag einen Strauß Freesien. Freesien scheinen ein probates Mittel gegen Einhorn-Montage zu sein. Die ganze Wohnung riecht nach ihnen. Abschließend ertappe ich mich dabei zu überlegen ob Einhörner wohl so intensiv nach Freesien wie mein Wohnzimmer riechen. Gut möglich. Jetzt aber Schluss. Bis nächsten Frühling lasse ich Sie mit Einhörnern in Ruhe.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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52 Gedanken zu “Regenbögen kackende Pferde

  1. Liebe Mitzi!
    Sie sprechen mir aus der Seele. Genau wie Sie habe ich ebenfalls immer eine Abneigung gegen die großfüßigen Diddlmäuse und die quietschbunten Einhörner verspürt. Allerdings nicht nur an Montagen. Diese Abwehrhaltung scheint da bei mir dauerhaft ausgeprägt zu sein. Die Vorstellung, ein solch farbiges Einhorn samt Regenbogen zu schlachten, gefällt mir zwar einerseits, aber andererseits habe ich die Befürchtung, dass sich dann eine schrecklich klebrig bunte Einhornsoße aus dem Körper ergießt und glitzernd und schillernd nicht mehr vom Boden zu kratzen ist. Zu penetrant erscheinen mir diese Wesen.
    Aber da Sie nun so schön Ihre Wohnung mit Freesien dekoriert haben, will ich Sie auch nicht weiter mit meinem Gerede über die Einhörner aufhalten 🙂
    Ich wünsche eine schöne Woche
    Herzliche Grüße von der zweihörnigen Kuh
    Mallybeau

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    1. Liebe Mallybeau, ich glaube im Bauch dieser Regenbogen Einhörner befinden sich Smarties. Die mag ich eigentlich sehr gerne, aber den Prozess des Schlachtens erspare ich mir dennoch. Schlechtes Karma und so…
      Ich bin sehr erleichtert, dass ein Tierliebes Wesen wie Sie nachempfinden können was mir an dieser Gattung auf die Nerven geht. Halten wir unsere Nasen lieber in der Frühling – der ist nicht so albern und riecht bestimmt auch besser.
      Herzlichste Grüße an Sie herrliches Huftier.

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      1. Oh, nun stelle ich mir vor, dass die Einhörner beim Galoppieren aufgrund der Smarties im Bauch immer mächtig klappern … 🙂
        Aber jetzt halte ich schnell meine Nase in einen Strauß Silberblumen vom Pumuckl um auf andere Gedanken zu kommen …

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    1. Mulis des Feenlandes finde ich schon wieder hübsch. Ein schönes Gegengewicht zu meiner garstigen Bezeichnung. Nein, liebes Blumenmädchen – gehen Feen, Trolle und auch Einhörner als Fabelwesen ist nichts zu sagen. Aber sie werden schon sehr verramscht und zu bizarren deformierten Modeerscheinungen verramscht. ;).

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  2. Montags nicht in die Gänge zu kommen, kenne ich gut, liebe Mitzi, und mir gefällt, wie du es mit der Einhorn-Metapher beschreibst und dabei immer hübsch im Bild bleibst.Mit Einhörnern kann ich dagegen gar nichts anfangen, lese aber, dass es so ein Frauending ist. 😉

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  3. Ich bin eine erwachsene Frau und mag lieber Tiger und schwarze Panther. Das könnte für Einhörner gefährlich werden. Passen sie doch grundsätzlich in mein Beuteschema. Ansonsten wende ich meinen Blick seufzend ab und sitze die schillernde Einhorn-Modephase aus. So ganz ohne öffentliche Verkehrsmittel geht das bei mir natürlich leichter.
    Liebe Grüße, Frau Vro

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      1. Vielleicht spinnst du dann die Geschichte weiter (Vegetarier, Veganer und sensible Naturen lesen jetzt bitte nicht weiter): Wie der geschmeidige Panther das glitzerbunte, Regenbogen-kackende Einhorn anfällt und fürs Abendessen vorbereitet, immerhin ist es rund und fett eher wie ein Schwein denn wie ein Pferd. Dabei macht er so eine Sauerei, dass es ringsum aussieht wie beim indischen Fest der Farben.

        Und jetzt beende ich meine überbordenden Gedankengänge, sonst bekomme ich noch richtig Appetit auf eine ordentliche Stelze, vielleicht schlägt in meiner Brust tatsächlich das Herz eines Tigers. 😂

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      2. Liebe Vro, das muss ich doch gar nicht mehr – du hast es gerade schon sehr bildlich skizziert und ich sitze grinsend am Tisch.
        Dein Herz ist sicher das eines Panthers oder eines Tigers. Nicht das schlechteste, wie ich finde 🙂

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      1. Ich fand ja Bob den Baumeister auch anstrengend. Das lag aber wohl daran, dass man mir genauste Regieanweisungen gab, wie ich die Nebenfiguren – auf dem Kinderzimmerboden kauernd – zu spielen habe. Nett, war es damals trotzdem.

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  4. Ein bisschen unpraktisch ist es schon, wenn bereits am Morgen viele Einhörner rumlaufen. Unpraktisch hauptsächlich wegen dem Horn, das ja leicht zu einer Gefahr werden kann. Andererseits: würden statt dessen Nashörner rumlaufen, wär’s wahrscheinlich auch keinem recht … 🙂

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  5. Ich mag Montage, Einhörner aber nicht. Meine Katzen reichen mir, Fabelwesen habe ich seit der Pubertät aus meinem Leben- Nur manchmal wenn es im Wald raschelt, da denke ich es könnte eine Fee sein, un Wahrheit ist es aber nur eine Maus die sich im Laub versteckt 🙂

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  6. Einhörner sind mir prinzipiell auch zu langweilig. Zumal früher dafür Nahrwale abgeschlachtet worden sind, um ihre Hörner auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Ich denke ich erwähne sie nur immer wieder, weil sie die einzigen Fabeltiere sind bei denen man es toleriert wenn es Regenbögen ausscheidet sowie erbricht. Denn Drachen sind dafür zu ehrenvoll, der Phoka zu unbekannt und die Hydra zu grausam. Die Wesen könnte mn einfach nicht mehr ernstnehmen zum Einhorn pssst es….

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    1. Der Aspekt des Abschlachtens verdirbt die Lust an diesen an sich schönen Fabelwesen. Es sind schöne Phantasiegeschöpfe, die ich als kleines Kind natürlich auch mochte. Aber wie du sagst, in der dauernden Verbindung mit Regenbögen sind sie mir zur Zeit einfach zu präsent. Bei Drachen geht es mir komischer Weise nie so.

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  7. Oh, liebe Mitzi, nun erinnere ich mich! Sogar an letztes Jahr!
    Mein Hirn ist wohl doch noch etwas „vernebelt“.
    Bald bin ich wieder dabei – mitten drin – oder an vorderster Front – oder wo auch immer Sie mich haben möchten!
    Gruß Heinrich

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