Alles eine Frage der richtigen Zange

Wäre T.C. Boyle mein Vater, würde ich damit klar kommen. Auch die Vorstellung Philip Roth oder Thomas Bernhard als väterliches Vorbild zu haben gefällt mir. Mit Bernhard hätte ich vermutlich massive Probleme. Probleme, die sich aber wohl weniger um das Schreiben drehen würden. Da würden wir schon klar kommen. Er und ich. Obwohl….er wohl nicht, aber ich. Väter die ein großes Talent haben stören mich nicht. Im Gegenteil, ich würde das bewundern und mich über ihren Erfolg freuen. Man könnte mich auch in eine Schauspielerfamilie einpflanzen. Es wäre mir egal ob ich ein ähnliches Talent habe oder eine totale Niete wäre. Solche Dinge betrachte ich mit der nötigen Distanz. Um die Beispiele abzuschließen, wäre es für mich auch in Ordnung wenn meine ganze Familie aus Hochseilartisten bestehen würde. Ich könnte mich damit arrangieren, die einzige zu sein, die talentfrei am Boden bleibt. So richtig einschüchternd und belastend empfinde ich eigentlich nur einen Vater. Meinen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Mein Vater ist der weltbeste Vater überhaupt. Es gibt nur eine winzige Kleinigkeit die mich immer wieder in unangenehme Situationen bringt. Er ist Handwerker. Schlosser um genau zu sein, aber eigentlich ist er universal einsetzbar und in den meisten Dingen wirklich gut. Da ich keine Handwerkerin und in den meisten Dingen wirklich schlecht bin, sollten wir uns eigentlich hervorragend ergänzen. Wir tun es. Solange bis ich versuche ihn auf handwerklichem Gebiet stolz zu machen. Dann bin ich unendlich froh, dass ich mit 18 Jahren ausgezogen bin und er nicht sieht wie unglaublich blöd sich seine Tochter anstellen kann. Gerade eben zum Beispiel lenke ich mich am Schreibtisch  vom Desaster in meinem Badezimmer ab. Man möchte meinen, dass Youtube bereits lange genug existiert, als das sich dort ein vernünftiges Tutorial zum Reparieren einer Badezimmerheizung befindet. Von den ersten zwanzig Treffern kann ich nur abraten.  

Solange ich mich erinnern kann, hat mein Vater mit seinen Händen gearbeitet und seit meiner frühsten Kindheit gehört es zu meinen Lieblingsbeschäftigungen ihm dabei zuzusehen. Es gibt wenig gemütlicheres als in einem leeren Raum auf einem umgestülpten Eimer zu sitzen und meinem Vater dabei zuzusehen wie er abklebt, tapeziert, streicht und dabei mit sich selbst spricht. Die Selbstgespräche habe ich mir von ihm abgeschaut. Leider klingt ein „so, jetzt loche ich das Blatt Papier und dann lege ich es ab“ viel uninteressanter als das Gemurmel meines Vaters wenn er etwas repariert. In meinem Beruf kann ich all die hübschen Worte wie Zarge, Hilti oder Dübel kaum benutzen. Wahrscheinlich lausche ich ihm deshalb so gerne und freue mich jedes Mal wenn er geht über ein neues Werkzeug, das in meinem Schrank gelandet ist. Bei den meisten Dingen habe ich keine Ahnung, wozu sie zu gebrauchen sind, aber wenn mal einer kommt, der sich auskennt, dann wird er sich wundern wie gut ich für alle Eventualitäten ich gerüstet bin. So besitze ich zum Beispiel drei verschiedene Zangen, die mir Laufe der Jahre von meinem Vater vererbt wurden. Man sollte meinen, dass es mir damit möglich ist den Perlator am Wasserhahn abzuschrauben. Ist es nicht. Der in der Küche ist so verkalkt, dass ich ihn nicht losbekomme; bei dem an der Badewanne scheitere ich an was weiß ich etwas und am Badwaschbecken habe ich ihn zwar losbekommen, aber er ist jetzt so verkratzt, dass ich einen neuen möchte. Mein Papa brachte ihn vorbei um murmelte beim Lösen der anderen beiden, dass „hirnlose Gewalt“ noch nie eine Lösung war und er bestimmt einmal erwähnt hat, dass man einen Lumpen zwischen Zange und Armatur legt. Einen Lumpen könnte ich im Bad jetzt auch brauchen. Besser zwei.

Mein Vater hat sicher auch irgendwann einmal erwähnt, wozu der Schlag in einer Schlagbohrmaschine nötig ist. Mein Freund und ich ahnten es, nachdem wir statt einem winzigen Bohrloch einen Suppentellergroßen Krater in der Wand unserer Altbauwohnung hatten. Zugespachtelt hat es der Handwerkervater meines Freundes. Der meine musste mich einige Wochen zuvor schon aus der Wohnung befreien, als ich mich beim testen des Sicherheitsschlosses in der Wohnung eingesperrt hatte. Ich kann meinem Vater nur dosiert von meinen handwerklichen Erlebnissen berichten. Als ich ihm vor Jahren zum Beispiel erzählte, dass ich meine Heizkörper dunkelblau gestrichen habe, kam er gerade noch rechtzeitig um festzustellen, dass die Farbe ungeeignet war um erhitzt zu werden. Die Dämpfe hätten mich – in der Badewanne liegend – wahrscheinlich betäubt und ich wäre ertrunken. Dafür habe ich es ihm erspart mitzuerleben wie ein von mir angebrachtes Regal von der Wand fiel und fast meinen darunter sitzenden Freund erschlagen hätte. Ich habe ihm auch die Erklärung erspart, wie ein Wasserfleck an die Küchenwand gekommen ist. Ihnen kann ich es sagen – ich habe im Bad einen Seifenhalter abgeschraubt und die Bohrlöcher zwischen den Fugen gründlich mit der Duschbrause ausgespült. Mein Bad grenzt an die Küche.

Mittlerweile habe ich einen guten Rhythmus gefunden. Die Hälfte die ich selbst mache, lasse ich von Handwerkern aus dem Branchenbuch gegebenenfalls nachbessern. Das was wirklich wichtig ist und schön aussehen soll, macht Papa. Die Sache mit der Badezimmerheizung ist ein Sonderfall. Da wo das Ventil war, tropft es jetzt raus. Es rauscht und pocht auch ziemlich. Ich höre es sogar an meinem Schreibtisch. Was mir aber wirklich sorgen macht, ist die Hitze, die der Heizkörper jetzt ausstrahlt. Ungewöhnlich warm. Das Kabel vom Föhn ist schon ganz klebrig. Ich fürchte für das Branchenbuch bleibt keine Zeit. Es wäre ja auch albern. Wäre mein Vater Hochseilartist und würde ich mich nur noch mit einem Finger am Trapez festhalten, dann würde ich ihn ja auch um Hilfe bitten.

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38 Gedanken zu “Alles eine Frage der richtigen Zange

  1. Liebe Mitzi!

    Wie gut, dass Sie das mit der blauen Farbe und den Heizkörpern erwähnen, ich hatte schon Pinsel und Eimer in Händen. 🙂
    Dass Handwerker an ihrem Arbeitsplatz des Öfteren ein Werkzeug vergessen zu scheinen, habe ich auch schon festgestellt. D.h. bisher konnte ich die Arbeiten im Haus selbst erledigen, aber der Garten erfordert ab und zu einen starken Mann. Und so kommt ein Gärtner und schwups, wenige Tage später bin ich im Besitz einer Axt. Einen großen Rechen habe ich auf diese Weise auch schon ergattert. So kommt man auch zu seinem Werkzeugkasten!
    Und passen Sie gut auf mit dem Föhn, jetzt wo Sie dem Heizkörpererstickungstod entronnen sind, nicht dass die klassische der-Föhn-fällt-in-die-Badewanne-Nummer folgt. 🙂

    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau

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    1. Liebe Mallybeau,

      ich wiederhole es eindrücklich – lesen Sie bitte was auf dem Farbeimer steht. Es wäre doch ein großes Ärgernis für Ihre Leser und Almbesucher, wenn Sie sich versehentlich umbrächten. Im Gegenzug verspreche ich keine Experimente mit dem Föhn zu versuchen. ;).
      Vielleicht ist das mit dem Werkzeug ein ungeschriebenes Gesetz. Kommst du zum Handwerken, lässt du etwas da. Das würde die hohen Preise der Handwerker erklären.

      Herzlichst
      Mitzi

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  2. Köstlich zu lesen deine Versuche das „Selbst ist die Frau“ zu verwirklichen. Ich bin eine begabte Handwerkerfrau und erstaune damit Männer, ich ging aber als junge Frau durch eine harte Schule durch meinen Lebensefährten, der meinte jede Frau muss alles reparieren können. Ich war begabt und heute froh darüber.

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    1. Ich wünschte, ich wäre ein wenig geschickter. Es ist ja schön, jemanden zu haben, der solche Dinge für einen erledigt, aber noch schöner ist es, wenn man sich selbst zu helfen weiß.
      Das eine oder andere macht ja auch Spaß.
      Schön, dass du die Lanze für unser Geschlecht aufrecht hältst.

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  3. Über die „Familie aus Hochseilartisten“ musste ich schmunzeln, liebe Mitzi. Doch vermutlich hättest du dich nicht entziehen können, sondern man hätte dich schon mit drei aufs Seil gehieft. In manchen Bereichen gilt die Familientradition noch was. Ich weiß nicht, ob es zum heutigen Frauenbild gehört, dass sie die Badarmaturen reparieren können müssen. Mit deinen Texten verstehst du zu erfreuen, aber wenn ich einen Thermenflüsterer brauche, hole ich eine Fachkraft.

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    1. Ich fürchte du hast recht und ich hätte mich ob ich will oder nicht, in luftige Höhen begeben müssen.
      Ob es zum Frauenbild gehört, weiß ich nicht. Ein wenig Geschick ist für beide Geschlechter von Vorteil. Oder ein Branchenbuch in der Nähe ;).
      Schön aber, dass man mit Missgeschicken wenigstens noch etwas unterhaltsames schreiben kann.

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  4. Mach dir keine Sorgen, die nächste Generation Handwerker steht ja schon bereit. Die ersten beiden Neffen sind schon einsetzbar, einschließlich Führerschein.
    Für nicht ganz so eilige Notfälle und geeigneter Bestechung mit Schweigepflicht, kann ich dir einen Elektriker vermitteln.

    Bis in einigen Jahren dürften wir fast alle Einsatzgebiete abgedeckt haben…
    Lass uns mal überlegen wer als Maurer oder Zimmerer geeignet wäre…

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    1. Ein großes Glück.
      Ich beobachte die Berufswahl mit strengem Blick und lege beim ersten BWLer sofort Veto ein. Die braucht kein Mensch und falls doch, bin ich zur Stelle.
      Zimmerer oder Schreiner bitte. Ich setzt da auf unsere Jüngste. Die soll ein Praktikum beim Hansi machen und sich dann mit Leidenschaft auf mein neues Bett stürzen.
      Sagen wir ihr noch nichts davon. Die Großen dachten ja auch, es wäre ihre Idee gewesen 😉

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    1. 😂😂😂😂WARUM HABE ICH DAS NICHT VORHER GELESEN??? Genau das ist passiert. Ich hab den Stift aber wieder rein bekommen und jetzt das Ventil der Kücheheizung dran geschraubt. Da heize ich eh nicht.
      Ihr Text passt hervorragend als Erklärung was ich da eigentlich versucht habe zu machen.

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  5. Du bist zwar vielleicht keine Handwerkerin, aber Du mit Deiner erzählerischen Gabe könnstest doch Gebrauchsanweisungen schreiben, die wirklich Spass machen zum Lesen… oder Du könntest Dich bei einer Versicherung melden um Schadensprotokolle aufzunehmen. Das würde dieses Metier etwas humoristisch auffrischen 😉
    Wie auch immer, ein toller Text (fast ein bischen Lorio-mässig)

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    1. Danke dir für die lieben Worte.
      Schadensmeldungen sind eine Fundgrube für tolle Texte. Mein Schwager musste einmal schreiben warum und wie der Papagei (über 60 Jahre alt und mittlerweile unter Artenschutz) seiner Mutter gestorben ist.
      Mein Schwager ist ein sehr gewissenhafter Mann. Ich konnte mich vor Lachen nicht halten und musste den Raum verlassen. Leider hat er das völlig ernst gemeint und ich stell mir noch heute vor, dass die Leute vom Amt sicher einiges zu Lachen hatten.

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  6. Also wenns rauscht, muss es nicht unbedingt das Badewasser sein…und wenns knallt, ists nicht immer der Sektkorken ( https://seelenfunkeln.com/2015/11/12/erste-male/ )…
    Als älteste von 3 Töchtern hab ich natürlich schon früh meinem Paps als Handlanger zur Seite gestanden und theoretisch weiß ich ne ganze Menge, nur die alleinige Umsetzung fast 30 Jahre später *augenroll* nun ja… Ich durfte lernen, dass frau eben nicht alles alleine können muss, ist auch schön 🙂 .
    Aus diesem Grund befürworte ich auch das Modell: Eine Frau braucht viele Männer – zumindest für den Handwerkskram 😉

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    1. Genau so geht es mir auch. In der Theorie bin ich gar nicht mal schlecht und weiß schon ungefähr was zu machen ist.
      Das Fazit ist ebenfalls meines. Ich kann, wenn ich muss, ganz vieles. Muss aber nun wirklich nicht alles machen, wenn es jemanden gibt, der es besser kann ;).

      Toller Link – ich habe geschmunzelt und bin erleichtert, dass du es gut überstanden hast.

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  7. Ich bin auch ein Allrounder. Gerade habe ich Strom verlegt. Und ernsthaft? Während ich Häuser alleine saniere, kriegt mein Vater mit Ach und Krach einen Nagel in die Wand.
    Ne Mitzi. Wer so schön schreiben kann, muss mit Heimwerken nichts am Hut haben. Wäre ich dein Vater, würde ich mich aber bezahlen lassen. Während ich arbeite, müsstest du mir deine Geschichten vorlesen.

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    1. Jedem der mit Strom hantieren kann (und es überlebt) zolle ich Respekt. Du und dein Vater ihr seid ein gutes Beispiel dafür, dass es egal ist, wer das Talent besitzt. Wichtig ist nur, dass irgendeiner im Umfeld es hat.

      Ich bezahle ihn mit plappern. Und ich glaube er würde manchmal lieber umsonst arbeiten 😉

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